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Sind Aktionäre die besseren Menschen?

Viele Menschen meinen, dass dem Handel mit Aktien die reine Profitgier zugrunde liegt. Sie verurteilen Aktionäre als geldgierig, egoistisch und unmoralisch. Sie sehen sich selbst als “moralisch integer” Sparer. Fragt man sie nach ihren Beweggründen, so offenbart sich oftmals Unwissenheit zum Thema. Viele ihrer Argumente sind dünn, teilweise ideologisch begründet. Insofern gilt vielleicht sogar die umgekehrte Hypothese: Agieren die Aktionäre moralisch überlegen?

Der Aktionär als Investor

Aktionäre sind Anteilseigner an Unternehmen. Sie stellen den Unternehmen Eigenkapital zur Verfügung. Einige agieren als Spekulanten, um kurzfristig Gewinne zu realisieren. Andere investieren bewusst und mit einem mehrjährigen Zeithorizont. Letztere verstehen sich als aktive Investoren und Förderer ausgewählter Firmen, Branchen, Technologien und Trends.

Der Sparer entmündigt sich selbst

Diese langfristig orientierten Investoren können im Gegensatz zum Sparer selbstbestimmt entscheiden, wo Sie Ihr Geld anlegen. Denn der klassische Sparer in Deutschland bringt sein Geld lediglich zur Bank. Anschließend verschließt er seine Augen vor den damit verbundenen Konsequenzen. Frei nach dem Motto: “Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.” Ob sein Geld anschließend in neue Umwelttechnologien oder Rüstungsunternehmen fließt, obliegt nicht mehr seiner Gestaltungshoheit. Es ist ihm in der Regel auch egal.

Auf der anderen Seite können die Investoren bei Unternehmensentscheidungen im Rahmen ihres Stimmrechtes ihre eigenen Interessen bekunden. Zugegeben: Die Stimme des Einzelaktionärs hat in der Regel kein großes Gewicht. Dennoch kann jeder Investor mit Stimmrechtsaktien zur Hauptversammlung fahren, er muss angehört werden. Der Sparer hingegen hat sich bereits selbst entmündigt. Dieses Handeln entbehrt jeder Logik. Denn in einer funktionierenden Demokratie verzichten die Bürger ja auch nicht auf ihr demokratisches Wahlrecht, bloß weil ihr Einflussbereich begrenzt ist.

Investoren aller Länder vereinigt euch!

Die Investoren sind somit ermächtigt, ihre Mitbestimmung nach bestem Wissen und Gewissen zu nutzen. Spannend wird es, wenn Investoren nicht nur rein renditeorientiert handeln, sondern soziale, ökologische sowie gesellschaftspolitische Aspekte in Ihre Entscheidungen einfließen lassen. In diesem Zusammenhang bieten immer mehr Institutionen an, Aktien gezielt zu bündeln und die damit verbundenen Entscheidungskompetenzen aktiv wahrzunehmen, beispielsweise in Form von Aktionärsvereinigungen. Insofern sollte jeder Sparer überlegen, ob er seiner “demokratischen Pflicht” nachkommt und seine Interessen im Rahmen von entsprechenden Vereinigungen als mündiger Investor gegenüber Vorständen und Aufsichtsräten konstruktiv wahrnimmt. Somit sind Investoren vielleicht nicht die besseren Menschen, mit Blick auf die gesellschaftliche Verantwortung dem passiven Sparer aber eine gewaltigen Schritt voraus.

24. Juni 2019 - Dr. Marcus Bauer - CGVI GmbH